
Der Griff in die Nackenhaut gehört zu den umstrittensten Fixationsmethoden bei Katzen. Für manche ist er ein bewährtes Hilfsmittel, für andere grundsätzlich ein No-Go. Wie so oft lohnt sich ein genauerer Blick – vor allem darauf, was wissenschaftlich belegt ist und was lediglich aus Beobachtungen abgeleitet wurde.
Vorweg: Dieser Artikel soll niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Viele Tierhalter*innen und auch Fachpersonen haben den Nackengriff über Jahre genau so gelernt. Empfehlungen verändern sich, weil sich unser Wissen verändert.
Meine Haltung ist dennoch klar: Scruffing sollte bei Katzen nicht routinemäßig eingesetzt werden. Wenn eine medizinisch notwendige Versorgung aber anders nicht sicher möglich ist und eine kurze Fixation insgesamt weniger Belastung verursacht als langes Kämpfen, wiederholte Versuche oder eine ausbleibende Behandlung, kann es Situationen geben, in denen sie das kleinere Übel darstellt.
Woher kommt der Nackengriff?
Ein häufiges Argument lautet: Katzenmütter tragen ihre Jungen schließlich ebenfalls an der Nackenregion.
Tatsächlich zeigen sehr junge Kitten beim mütterlichen Transport eine charakteristische Bewegungshemmung. Daraus entstand die Vermutung, ein ähnlicher Mechanismus könne auch bei erwachsenen Katzen durch Druck auf die Nackenhaut ausgelöst werden.
Pozza und Kolleg*innen beschrieben 2008 die sogenannte pinch-induced behavioral inhibition (PIBI). Bei einem Teil der untersuchten Katzen führte Druck auf die Nackenhaut zu einer deutlichen Immobilisation. In dieser Studie fanden sich keine eindeutigen Hinweise darauf, dass die Reaktion hauptsächlich durch Schmerz oder starke Angst ausgelöst wurde. Die Forschenden vermuteten einen möglichen Zusammenhang mit dem mütterlichen Transportverhalten.
Dieser Zusammenhang ist allerdings nicht abschließend bewiesen.
Eine spätere Untersuchung von Andrews und Kolleg*innen zeigte außerdem, dass die Reaktion mit zunehmendem Alter deutlich seltener auftritt. Junge Katzen reagierten wesentlich häufiger mit einer ausgeprägten Bewegungshemmung als ältere Tiere.
Das spricht dafür, dass ein entwicklungsabhängiger Mechanismus beteiligt sein könnte. Es bedeutet jedoch nicht, dass der Nackengriff bei erwachsenen Katzen automatisch einen harmlosen „Kittenreflex“ auslöst.
Warum erstarren manche Katzen?
Manche Katzen werden beim Griff in die Nackenhaut nahezu bewegungslos, andere versuchen sich sofort zu drehen, zu fliehen oder zu wehren.
Die Ursache dieser Unterschiede ist bisher nicht vollständig geklärt. Alter scheint eine Rolle zu spielen, vermutlich aber nicht allein.
Entscheidend ist vor allem: Bewegungslosigkeit erlaubt keinen sicheren Rückschluss auf Entspannung.
Eine Katze kann stillhalten, weil ihre Motorik durch den Druck auf die Nackenhaut gehemmt wird. Sie kann aber auch aus Angst oder Überforderung in eine Verhaltenshemmung verfallen. Moderne Cat-Friendly-Leitlinien weisen ausdrücklich darauf hin, dass „Freezing“ beziehungsweise Inhibition ebenfalls eine mögliche Reaktion auf eine bedrohlich empfundene Situation ist.
Begriffe wie „Shutdown“ oder „erlernte Hilflosigkeit“ sollte man deshalb nicht vorschnell verwenden. Dafür lässt sich bei einer einzelnen Katze allein anhand des Stillhaltens keine sichere Diagnose stellen.
Was sagt die Forschung über Stress?
Die Studienlage ist nicht ganz einheitlich.
Eine Untersuchung von Nuti und Kolleg*innen verglich eine Clip-Fixation an der Nackenhaut mit manuellem Scruffing. Bei den manuell fixierten Katzen waren Herzfrequenz und Pupillenerweiterung stärker ausgeprägt, während sich die Cortisolwerte nicht eindeutig unterschieden.
Spätere Arbeiten von Moody und Kolleg*innen verglichen verschiedene Fixationsmethoden direkter. Dabei schnitt eine möglichst geringe beziehungsweise passive Fixation am besten ab. Scruffing löste mehr negative Reaktionen aus als minimales Handling, während starke Ganzkörperfixation und Clip-Fixation teilweise noch ungünstiger bewertet wurden.
Die Schlussfolgerung daraus ist weniger spektakulär, aber praktisch sehr wichtig:
So viel Kontrolle wie nötig – so wenig Fixation wie möglich.
Genau darauf basiert modernes Cat Friendly Handling.
Kann Scruffing langfristig problematisch werden?
Katzen können unangenehme Erfahrungen mit Orten, Personen, Gerüchen oder bestimmten Abläufen verknüpfen. Wiederholt belastende Fixationen können deshalb vermutlich dazu beitragen, dass zukünftige Tierarztbesuche oder Pflegemaßnahmen schwieriger werden.
Wie stark ein einzelner Nackengriff langfristige Folgen hat, lässt sich dagegen nicht pauschal sagen. Dafür fehlen entsprechende Langzeitdaten.
Man sollte also weder behaupten, ein einmaliger Nackengriff traumatisiere zwangsläufig eine Katze, noch davon ausgehen, fehlende Gegenwehr bedeute automatisch, dass sie damit kein Problem hat.
Welche Alternativen gibt es?
Heute versucht man, Katzen möglichst kooperativ und mit minimaler Fixation zu untersuchen und zu behandeln.
Je nach Situation können zum Beispiel helfen:
- Untersuchung im Unterteil der Transportbox
- rutschfeste Unterlagen
- Handtücher als Sichtschutz oder sanfte Begrenzung (hier gibt es auch verschiedene, bewährte „Wickeltechniken“)
- Untersuchung in einer von der Katze selbst gewählten Position
- Schleckpaste oder Futter als positive Ablenkung
- ruhige Bewegungen und möglichst wenig direkte Bedrängung
- Cooperative-Care-Training bei wiederkehrenden Maßnahmen
- Schmerztherapie
- angstlösende Medikamente oder Sedation
Gerade bei bekannten Angstpatienten kann eine vor dem Tierarztbesuch verabreichte Medikation, beispielsweise tierärztlich verordnetes Gabapentin, den Stress deutlich reduzieren.
Auch Sedation sollte nicht als „letzte Niederlage“ betrachtet werden. Wenn eine Katze ansonsten minutenlang unter mehreren Personen gewaltsam fixiert werden müsste, kann eine gut geplante Sedation die deutlich schonendere Variante sein.
Wann kann ein Nackengriff trotzdem vertretbar sein?
Hier sollte man zwischen Routine und medizinischer Ausnahmesituation unterscheiden.
Nicht gerechtfertigt ist Scruffing aus meiner Sicht:
- als Strafe
- als vermeintliche Dominanzmaßnahme
- aus Gewohnheit
- nur weil es schneller geht
- wenn eine weniger belastende Methode problemlos funktioniert
Anders sieht es aus, wenn eine Katze dringend medizinisch versorgt werden muss und mildere Maßnahmen nicht ausreichen oder in diesem Moment nicht verfügbar sind.
Die aktuellen AAFP/ISFM-Leitlinien empfehlen Scruffing grundsätzlich nicht und bevorzugen bei schwierigen Patienten anxiolytische Medikamente oder Sedation. Sie erkennen jedoch an, dass in einzelnen Extremsituationen kurzfristig stärkere körperliche Kontrolle nötig sein kann, zum Beispiel um überhaupt ein Medikament zur Sedation verabreichen zu können.
Ein kurzer Nackengriff kann deshalb in einer konkreten Not- oder Behandlungssituation das kleinere Übel sein, wenn dadurch eine notwendige Versorgung überhaupt erst möglich wird und längerer Kampf vermieden werden kann.
Das macht Scruffing nicht zu einer guten Standardmethode.
Es macht es zu einer Notlösung.
Fazit
Der Nackengriff stammt wahrscheinlich zumindest teilweise aus der Beobachtung eines natürlichen Transportverhaltens bei Jungtieren. Dass manche erwachsenen Katzen beim Griff in die Nackenhaut deutlich erstarren, ist ebenfalls gut dokumentiert. Wie genau diese Reaktion emotional erlebt wird, lässt sich jedoch nicht allein aus dem Stillhalten ableiten.
Die heutige Forschung spricht dafür, Katzen möglichst wenig zu fixieren und stattdessen mit ruhigem Handling, geeigneter Umgebung, Training und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung zu arbeiten.
Deshalb bin ich gegen routinemäßiges Scruffing.
Nicht, weil jeder Nackengriff automatisch Tierquälerei wäre und auch nicht, weil Menschen, die ihn bisher verwendet haben, ihrer Katze bewusst geschadet hätten.
Sondern weil wir heute meist bessere Möglichkeiten kennen.
Und wenn eine seltene Situation tatsächlich keine gute Alternative zulässt, sollte nicht die Frage entscheidend sein, ob eine Methode grundsätzlich „erlaubt“ oder „verboten“ ist, sondern welche Option für diese Katze in diesem Moment insgesamt die geringste Belastung bedeutet.
Die sinnvollste Frage lautet deshalb vielleicht nicht:
„Darf man eine Katze im Nacken halten?“
Sondern:
„Ist es wirklich notwendig – oder geht es auch schonender?“
Quellen
- Pozza ME, Stella JL, Chappuis-Gagnon AC, Wagner SO, Buffington CAT (2008): Pinch-induced behavioral inhibition (‚clipnosis‘) in domestic cats. Journal of Feline Medicine and Surgery 10(1): 82–87. DOI: 10.1016/j.jfms.2007.10.008.
- Nuti V, Cantile C, Gazzano A, Sighieri C, Mariti C (2016): Pinch-induced behavioural inhibition (clipthesia) as a restraint method for cats during veterinary examinations: preliminary results on cat susceptibility and welfare. Animal Welfare 25(1): 115–123. DOI: 10.7120/09627286.25.1.115.
- Moody CM, Picketts VA, Mason GJ, Dewey CE, Niel L (2018): Can you handle it? Validating negative responses to restraint in cats. Applied Animal Behaviour Science 204: 94–100. DOI: 10.1016/j.applanim.2018.04.012.
- Moody CM, Mason GJ, Dewey CE, Niel L (2020): Getting a grip: cats respond negatively to scruffing and clips. Veterinary Record 186(12): 385. DOI: 10.1136/vr.105261.
- Andrews CJ, Cosner Z, Thomas DG (2022): The efficacy of pinch-induced behavioral inhibition (clip restraint) in domestic cats (Felis catus) declines with age. Journal of Veterinary Behavior 49: 15–19. DOI: 10.1016/j.jveb.2021.11.003.
- Rodan I, Dowgray N, Carney HC et al. (2022): 2022 AAFP/ISFM Cat Friendly Veterinary Interaction Guidelines: Approach and Handling Techniques. Journal of Feline Medicine and Surgery 24(11): 1093–1132. DOI: 10.1177/1098612X221128760.
- van Haaften KA, Forsythe LRE, Stelow EA, Bain MJ (2017): Effects of a single preappointment dose of gabapentin on signs of stress in cats during transportation and veterinary examination. Journal of the American Veterinary Medical Association 251(10): 1175–1181. DOI: 10.2460/javma.251.10.1175.
