Warum wechseln Hund und Katze ihr Fell?

Was Tageslänge, Hormone, Temperatur und der Haarfollikel damit zu tun haben – und warum auch blinde Tiere weiter Fell wechseln.

Zweimal im Jahr explodiert bei vielen Tierhaltern gefühlt die Menge an Haaren in Wohnung, Bürste und Auto. Schnell heißt es: „Es wird wärmer, deshalb wirft der Hund sein Winterfell ab.“ Ganz falsch ist das nicht – aber medizinisch steckt deutlich mehr dahinter. Der Fellwechsel entsteht aus dem Zusammenspiel von Haarzyklus, Jahreszeit, Licht, Temperatur, Genetik und Hormonen.

Der Haarfollikel arbeitet in Phasen

Jedes Haar entsteht in einem Haarfollikel. Dieser Follikel produziert nicht dauerhaft mit gleichbleibender Geschwindigkeit ein Haar, sondern durchläuft einen Zyklus. In der Anagenphase wächst das Haar aktiv. Danach folgt eine kurze Rückbildungsphase (Katagen), anschließend die Ruhephase (Telogen). In der Exogenphase wird das alte Haar abgestoßen.

Beim Hund und bei der Katze laufen diese Zyklen nicht bei allen Follikeln exakt gleichzeitig ab. Deshalb verlieren gesunde Tiere auch außerhalb des klassischen Fellwechsels einzelne Haare. Im Frühjahr oder Herbst verschiebt sich bei vielen Follikeln gleichzeitig die Aktivität – und plötzlich landet sehr viel mehr Fell in der Bürste.

Der wichtigste Punkt: Nicht nur die Temperatur zählt

Der Körper wartet nicht einfach darauf, dass dem Tier warm oder kalt wird. Ein wichtiger saisonaler Reiz ist die Photoperiode, also die Länge von Tag und Nacht. Bei Hunden wurden Zusammenhänge zwischen Haarzyklus, Tageslänge und Umgebungstemperatur nachgewiesen; bei Katzen zeigt die Haarproduktion ebenfalls einen ausgeprägten Jahresrhythmus.

Kurz gesagt Der Fellwechsel ist kein simpler Thermostat. Tageslänge und Temperatur liefern saisonale Informationen, der Felltyp und die genetische Ausstattung bestimmen aber, wie der Körper darauf reagiert.

Wie merkt der Körper, wie lang der Tag ist?

Dafür braucht es die Augen – aber nicht zwingend das eigentliche Sehen. In der Netzhaut sitzen neben den bekannten Stäbchen und Zapfen besondere Nervenzellen, die melanopsinhaltigen intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGCs). Sie messen gewissermaßen die Umgebungshelligkeit und schicken diese Information an die zentrale innere Uhr im Hypothalamus.

Über weitere neuronale Schaltstellen beeinflusst diese Uhr die Zirbeldrüse. Dort wird Melatonin überwiegend in der Dunkelphase gebildet. Die Dauer des nächtlichen Melatoninsignals enthält deshalb Information darüber, wie lang die Nacht ist. Das ist für viele saisonale Körperfunktionen relevant.

Beim Fellwechsel von Hund und Katze sollte man Melatonin allerdings nicht als einzelnen Auslöser verstehen. Der Haarfollikel reagiert auf ein ganzes Netzwerk aus saisonalen, hormonellen und lokalen Signalen.

Warum haaren Wohnungstiere oft das ganze Jahr?

Ein freilebendes Tier erlebt im Winter kurze Tage, lange Nächte und niedrige Temperaturen. Ein Wohnungstier erlebt dagegen im Januar vielleicht 22 °C und bis spät abends künstliches Licht. Damit werden natürliche Jahreszeitsignale abgeschwächt oder voneinander entkoppelt.

Viele Hunde und Katzen in Wohnungshaltung haben deshalb keinen messerscharf abgegrenzten Fellwechsel, sondern haaren das ganze Jahr und zeigen zusätzlich saisonale Spitzen. Das ist zunächst nicht krankhaft.

Warum verlieren manche Hunde büschelweise Unterwolle – andere kaum?

Weil „Fell“ genetisch sehr unterschiedlich organisiert ist. Ein Hund mit dichter Unterwolle besitzt einen anderen Haarfollikel- und Wachstumsrhythmus als ein Hund mit sehr langer Anagenphase. Bei Doppelhaarhunden kann innerhalb kurzer Zeit enorm viel Sekundärhaar abgestoßen werden. Bei anderen Haartypen wächst das Haar lange weiter und der sichtbare Fellwechsel ist geringer.

Auch bei Katzen spielen Felllänge, Follikeldichte, Rasse und individuelle Genetik eine Rolle. Deshalb ist die Menge ausgefallener Haare allein kein sinnvoller Vergleich zwischen zwei Tieren.

Welche Hormone beeinflussen das Fell?

Haarfollikel reagieren unter anderem auf Schilddrüsenhormone, Glukokortikoide, Sexualhormone und saisonale neuroendokrine Signale. Beim Hund ist besonders die Schilddrüse klinisch relevant: Bei einer Hypothyreose können Haarneubildung und Fellqualität gestört sein. Experimentell konnte Thyroxin beim Hund mehr Follikel in die Wachstumsphase bringen.

Auch chronische Erkrankungen, Nährstoffmängel und bestimmte Medikamente können den Haarzyklus beeinflussen. Deshalb ist plötzlich verändertes Haaren nicht automatisch ein normaler Fellwechsel.

Spannend: Was passiert bei blinden Tieren?

Ein Tier kann blind sein und trotzdem noch Hell und Dunkel für seine innere Uhr erfassen. Denn die melanopsinhaltigen Ganglienzellen der Netzhaut sind nicht in erster Linie dafür zuständig, ein Bild zu erzeugen. Wenn diese Zellen und ihre Verbindung zum Gehirn erhalten sind, kann die circadiane Lichtinformation trotz fehlender visueller Wahrnehmung weiterhin funktionieren.

Deshalb ist die Frage nicht nur: „Kann das Tier sehen?“, sondern: Wo liegt die Ursache der Blindheit? Bei einer Erkrankung des Auges oder Gehirns können Bildsehen und nichtbildgebende Lichtwahrnehmung unterschiedlich stark betroffen sein.

Und bei einem Hund oder einer Katze ohne Augen?

Nach einer beidseitigen Enukleation fehlt der normale retinale Lichtweg vollständig. Das Licht kann die zentrale innere Uhr dann nicht mehr auf dem üblichen Weg synchronisieren. Die innere Uhr selbst verschwindet aber nicht – sie besitzt einen endogenen Rhythmus und wird zusätzlich von anderen Signalen wie Aktivität, Fütterung und sozialen Routinen beeinflusst.

Auch der Haarfollikel arbeitet weiter. Er besitzt eigene zyklische Programme und reagiert weiterhin auf Temperatur, Hormone, Stoffwechsel, Genetik und lokale Wachstumsfaktoren. Ein Tier ohne Augen hört also selbstverständlich nicht auf, Fell zu erneuern. Was fehlt, ist ein wichtiger saisonaler Zeitgeber.

Was wir dazu nicht behaupten sollten Es gibt kaum direkte kontrollierte Untersuchungen dazu, wie sich eine beidseitige Enukleation speziell auf den Fellwechsel von Haushunden oder Hauskatzen auswirkt. Eine veränderte saisonale Synchronisation ist physiologisch plausibel; wie stark sie im Einzelfall ausfällt, ist nicht ausreichend untersucht.

Wann sollte starkes Haaren abgeklärt werden?

Ein normaler Fellwechsel ist diffus: Das Tier verliert Haare, aber die Haut darunter bleibt im Wesentlichen unauffällig. Tierärztlich abgeklärt werden sollte Haarverlust besonders dann, wenn kahle Stellen, Juckreiz, Rötung, Schuppen, Krusten, Hautgeruch, Pigmentveränderungen oder ein deutlich verzögerter Haarneuwuchs hinzukommen.

  • umschriebene oder symmetrische Alopezie
  • starker Juckreiz, Lecken oder Knabbern
  • entzündete oder schuppige Haut
  • auffällig stumpfes, trockenes oder plötzlich verändertes Haarkleid
  • zusätzliche Allgemeinsymptome wie Gewichts-, Trink-, Appetit- oder Aktivitätsveränderungen

Fazit

Der Fellwechsel ist wesentlich komplexer als „warm = Haare raus, kalt = Haare rein“. Jeder Haarfollikel durchläuft seinen eigenen Zyklus. Tageslänge und Temperatur liefern saisonale Signale, Hormone und Stoffwechsel übersetzen diese in Körperreaktionen, und die Genetik entscheidet mit darüber, wie das Ergebnis am Ende aussieht.

Und selbst bei Blindheit lohnt sich der genaue Blick: Sehen und Lichtwahrnehmung für die innere Uhr sind nicht dasselbe. Erst wenn der retinale Lichtweg vollständig fehlt – etwa nach Entfernung beider Augen – fällt dieser Zeitgeber weg. Der Haarzyklus selbst läuft trotzdem weiter.

Transparenzhinweis: Der Abschnitt zu vollständig enukleierten Tieren leitet sich aus der gut untersuchten allgemeinen Säugetier-Chronobiologie ab. Spezifische Studien zum saisonalen Fellwechsel enukleierter Haushunde und -katzen sind kaum verfügbar.

Quellen

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